Freitag Der Tag, der Tag, ist da. Nach einer schlaflosen Nacht fahr' ich übermüdet mit zu viel Flüssigem (Kaffee) und zu wenig Festem im Magen, tatsächlich nämlich nichts, ins anatomische Institut. Ich öffne die löwenzahngelbe Spindtür, hole Präp- und Prüfungskittel heraus, mach' mein Namensschild von ersterem ab und an letzteren an, schlüpf' hinein, verstau' Klamotten und Tasche im Schrank, knall' die Tür mit Schwung zu - sie will manchmal nicht so. Ich hab' zwei Tüten dabei. Für die Kittel. Damit ich sie nach bestandener Prüfung gut nach Hause transportieren kann. Ich hoffe, dass ich irgendwie bestehe. Cheerleader Nr. 1 (der Liebste) wartet schon. Cheerleader Nr. 2 (das Polsterchen, meine männliche beste Freundin hier) kommt kurz darauf. Die Stimmung unter den Prüflingen ist angespannt. Der doch ein bisschen unheimliche Anatomiehandlanger, der Präparator, schielt mit seinem Ziegenbärtchen vorbei, macht Witze - mir ist einfach nur hundeelend zumute.
Drei der Prüfer kommen die ehrwürdige Treppe herauf und verschwinden im Anatomiesaal. Nach und nach kommen sie heraus und rufen jeder ein paar Prüflinge zu sich. Ich bleib' übrig. Das bedeutet, dass ich das Großväterchen bekomme. Hab' ich mich vor einigen Wochen noch darüber aufgeregt, dass ich kein einziges Mal von ihm geprüft wurde, will ich das Großväterchen jetzt nicht. Gar nicht. Es heißt, so lässig ein normales Testat bei ihm ist, so unnachgiebig ist es beim Abschlusstestat. Erst am Tag vorher hab' ich mich mit einem Kurswiederholer unterhalten, der beim Großväterchen im Abschlusstestat durchgefallen ist. Ich hab' Angst. Jetzt hab' ich die Tüten für die Kittel bestimmt umsonst mitgebracht. Das Großväterchen findet was, das ich nicht weiß - und dann fall' ich durch. Das Großväterchen ruft uns zu fünft herein. Entgegen seiner Gewohnheit prüft es jeden von uns fünfzehn bis zwanzig Minuten lang. Ich soll die Vorletzte sein. Ich hab' also genug Zeit die anderen Prüfer zu beobachten - bloß nicht kucken, was das Großväterchen macht.
Der Chef, mit seiner militärisch angehauchten Art, lässt, soweit ich das mitbekomme, alle durchkommen. Er schaut zwar finster drein, schüttelt einige Male den Kopf, wird zwischendurch auch laut ("Sie sind mit der Anatomie eigentlich noch nicht fertig! Das ist nichts! Jetzt denken Sie doch mal nach! Sie müssen Ihre Nervosität in den Griff kriegen! Ich war früher als Student auch nervös! Jetzt sagen Sie schon was! Irgendwas! Blablabla!"). Im Endeffekt hält er fast jedem seiner Prüflinge 'ne Standpauke nach mit Ach und Krach bestandener Prüfung aber er lässt sie eben bestehen. Ich vermute, dass er bei diesem Abschlusstestat einfach nur sehen will, dass die Leute gelernt haben, seine sonst so heiß geliebten Begrenzungen von irgendwelchen Fossae sind ihm auf einmal gar nicht mehr sooo wichtig.
Den Perfektionisten hab' ich nicht gut im Blick, er ist ganz am anderen Ende des Saals, aber es macht den Anschein, dass bei ihm auch keiner durchfällt.
Der Unberechenbare prüft lang. Teilweise sehr lang. Einen der Zahnis sicher über dreißig Minuten. An der Leiche. An Modellen. Überall. Ich vermute, dass es nicht gut läuft und er einfach nur irgendwas finden möchte, durch das er den Zahni mit halbwegs ruhigem Gewissen bestehen lassen kann.
Ich bin an der Reihe. Ich weiß vieles. Das Großväterchen fragt mich aber auch teilweise Dinge, die gar nicht in mein Prüfungsthema gehören. Ergo rate ich - aufgrund dieser ganzen beschissenen Bulimielernerei vergisst man nach bestandenen Pürfungen ja sofort wieder das Meiste. Ich rate glücklicherweise richtig oder weiß unbewusst eben doch noch mehr als gedacht - whatever. Als ich den Plexus hypogastricus superior allerdings für zum Parasympathikus gehörend erkläre, denk' ich, dass es das jetzt war. Irgendwann macht das Großväterchen aber doch das Kreuz auf meiner Testatkarte. Ey, ich hab' bestanden!!? Krass. Für zwei aus meiner Prüfungsgruppe, darunter meine Lieblingszahni, läuft's nicht so gut. Sie fallen durch. Beim Großväterchen. Die Geschichten stimmen also. Ich leide so mit mit ihnen. Ich kann mich so gut in diese Situation hineinfühlen. Als wir aus dem Saal entlassen werden, grinst mich der Freund an. Er weiß schon, dass ich bestanden hab'. Die Sportlerin, eine Freundin von ihm, hat's ihm gesagt. Sie hat mir, als der Chef sie gehen ließ, im Vorbeigehen ins Ohr gefragt, ob sie's sagen darf. In Anbetracht der Tatsache, dass der Freund zu diesem Zeitpunkt bereits um die anderthalb Stunden auf der anderen Seite dieser beschissenen Flügeltür gewartet hat, war ich natürlich einverstanden. Man muss sich das mal reinziehen: in der Zeit, in der uns das Großväterchen geprüft hat, hat der Chef zwei Gruppen abgehandelt. Kranker Typ. Also das Großväterchen.
Spind geleert. Präpbesteck und Spindschlüssel abgegeben. Pfand kassiert. Den Liebsten zum Pflegepraktikum verabschiedet. Das Polsterchen auf was zu Essen eingeladen. Ein Eis bekommen. Eine Folge Grey's Anatomy. Eine Folge True Blood. Ein bisschen Schlaf. Stirb langsam 5 mit dem Freund. Ein Drink mit dem Freund, dem Polsterchen, der Kleinen. So fucking müde war ich schon lange nicht mehr.

Samstag Vermutlich ausgeschlafen. Weiß es nicht mehr. Nachmittags Anatomiekittelverbrennung mit'm Liebsten und [Hat noch keinen Namen im Blog]. Heißer Apfelsaft und Amaretto. Würstchen - hmm, bestimmt saugesund, so über mit Formalin getränkte Kittel gebraten. Bei der Gelegenheit auch zweifach das Fasten verkackt. Überhaupt nicht gecheckt. Verdammter Mist. Mööörderkopfschmerzen. Schon den ganzen Tag. Ich lass' meinen pyromanischen Freund und seinen Kumpanen 'ne Weile allein. Ich jage. Kopfschmerztabletten. Tut das gut, wenn der Schmerz nachlässt. Am Abend geht's zum Spielen zum Batman. Schön, dass ich den Captain da auch noch mal sehe, bevor er in die "Ferien" fährt. Wir machen Pizza. Zweimal. Und ich verliere bei "Die Siedler von Catan" einfach so derbe, wie man nur verlieren kann. Dabei bin ich doch ein so schlechter Verlierer. Macht aber trotzdem sehr viel Spaß und ich überlege ernsthaft, mir das Spiel auch zu kaufen.

Sonntag Vermutlich ausgeschlafen. Weiß auch das nicht mehr. Abends Poetry Slam. Ich muss sagen, ich mag das sehr. Also dass der Freund und ich uns schon für unterschiedliche Dinge interessieren, es aber trotzdem Aktivitäten gibt, die wir beide zusammen lieben. Beim Slam: neuer Moderator. Gefällt mir gut. Der Alte war durchaus sehr amüsant, hat mit seinen ewigen Zusammenfassungen der einzelnen Slambeiträge die Veranstaltung aber mitunter sehr in die Länge gezogen. Unschön. Flutscht jetzt mehr. Mich in das musikalische Rahmenprogramm verliebt: Nick & June. Sehr sympathisch. Sehr sweet. Sehr gut für Regensonntage im Bett. Ey und wieviele Instrumente die können! Waaahh, wieso kann man denn die Lieder jetzt nicht hochladen? Okay, dann eben die Anspieltipps selbst suchen: Annie Hall. Fall for Me.

So. Und warum ich blöde Kuh dem Liebsten heut' Tränen in die Augen getrieben hab', zwar nur für 'ne Sekunde und natürlich hat er's abgestritten - Männer eben -, das schreib' ich beim nächsten Mal auf. Nur so viel: an dem Typen liegt mir so beschissen viel, dass sowas nie, nie, nie wieder vorkommen darf.